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In jeder Lebensphase trifft man neue Menschen. Die meisten verschwinden auf
Nimmerwiedersehen aus den Augen. Andere tauchen urplötzlich wieder auf und
sind so präsent, wie zur ersten Begegnung. Meist ohne unser Zutun. Plötzlich
sind sie wieder da. Eine dieser Personen ist H. H., mit dem ich 1972 ein
halbes Jahr >Soldatenleben< als Reservist der DDR-Volksarmee (NVA)
verbringen musste. Ein Leben u.a., indem sich die aktuelle Abneigung zur
missliebigen Gegenwart des „Dienstes an der Waffe“ mit den ähnlich
empfundenen Ablehnungen oder gleichen Standpunkten gegenüber den Defiziten
eines Lebens im Sozialismus verband.
Erst waren es wenige Briefe, die gewechselt wurden, dann einmal ein Treffen.
Der Sinn der Briefe erschloss sich mir erst, als ich von ihm, wieder einige
Jahre nach dem Treffen, eine Briefsammlung (Briefe von knapp 100
verschiedenen Autoren) in Buchform geschickt bekam, die wenig >Intimes< im
üblichen Sinne des Wortes enthielt, aber mich jenseits dessen spontan
faszinierte.
Was mich faszinierte, war das Bild einer DDR in einer jeweils ganz
persönlichen und dadurch, 4 Jahre nach ihrem Zusammenbruch (!), in einer
ungewohnten Weise ehrlichen Meinung. Es mag Zufall oder auch diese
Ehrlichkeit von H.H., dem Herausgeber der Briefe, gewesen sein, die zu
dieser unverkrampften, keinem öffent-lichen Gegenüber eines Interviews, einer
Zeitschrift o.ä. zu verantwortenden, ge-schönten bzw. unbewusst verfälschten
Aussage (wie schlimm alles gewesen sei und man selbst war doch ein mutiger
Widerständler) führte. Sondern die Briefe atmeten die Ehrlichkeit der
Intimität gegenüber einem Freund, einem Bekannten über eine gemeinsame, wenn
auch durchaus an verschiedenen Orten unterschiedlich erlebte Vergangenheit
in einem implodierten Staat.
Ausgangspunkt war die Frage des in der Bundesrepublik geborenen und dort
lebenden Neffen an den in der DDR lebenden Onkel, den Herausgeber, wie es in
der DDR eigentlich gewesen sei.
Noch im Versuch einer Antwort merkte der Onkel, dass seine Meinung ein
unvollständiges Bild der DDR geben würde, zumal es ein negativ geprägtes
(eigenes) Bild war, dass er ehrlicherweise vermitteln könnte. So entstand
fairerweise der Versuch einer Objektivierung durch Befragung von Freunden
und Bekannten - auch Verwandten - unterschiedlichster Profession, Herkunft
und Alters, mit der Bitte, ihre Meinung, ihre Haltung zur und ihr Bild von
der DDR einfach aufzuschreiben und ihm mitzuteilen.
Diese, verständlicherweise eher willkürliche, Auswahl der Informanten sollte
eine Annäherung an ein >richtiges< Bild von der bzw. über die DDR
ermöglichen, wissend, das alles Objektive durch das jeweils Subjektive eines
Individuums gebrochen wird.
Was daraus entstand ist tatsächlich ein Bild der DDR. Gezeichnet aus
eigenem, oft widersprüchlichem Erleben ohne jene Retuschen und
Beschönigungen oder nega-tiven Verstärkungen, die im Wissen um die
Veröffentlichung der eigenen Meinung zwangsläufig entstehen, immer dann,
wenn das Gegenüber ein Anonymus ist. Hier ist es anders: ein Freund, ein
Bekannter, ein vielleicht ähnlich Denkender ist das Gegenüber, an ihn ist
die eigene Meinung gerichtet. Die Briefe offenbaren so eine Privatheit, die
in keiner Talkshow erzielt werden kann. Was bleibt, ist Ehrlichkeit, ist
eine Wahrheit, die nicht zu einem einseitig tiefgrauen Bild der DDR führt
sondern die enorme Differenziertheit der Farbe Grau deutlich macht, sogar
mit z.T. extremen Aufhellungen einiger (Weniger), die in voller Überzeugung
in der DDR das Morgenrot einer besseren Gesellschaft aufscheinen sahen -
dies besonders angesichts einer eher trüben Sicht auf die „Vorzüge“ des
Westens.
Es ist genau diese Differenziertheit und gleichzeitig Vielzahl einer extrem
privaten Sicht auf die eigene Vergangenheit und das Leben in jenen Grenzen,
die ein Staat seinen Bürgern setzte, denen er so wenig traute, dass er
mittels eines Ministeriums für Staatssicherheit und einem Heer von
angeheuerten „Informellen Mitarbeitern“ mehr oder weniger jeden bespitzelte,
einige von ihnen sogar versuchte zu „be-kämpfen, zu zersetzen, zu
liquidieren“. (Siehe auch: „Die Gegenwart der Vergan-genheit“)
So entstand ein Buch jenseits jener oft durch die Medien vermittelten
Klischee-Sammlungen über einen nicht mehr existierenden Staat; aber auch
jenseits aller Versuche ihn wissenschaftlich zu erfassen und zu beschreiben.
In der Brief-sammlung geschieht dies in einer unverfälschten, lebendigen -
weil privaten - Spra-che, die eine Sicht des Lesers ermöglicht, in der er sich
gelegentlich im Wasser eines tiefen Brunnens gespiegelt sieht. Wahrheit ist
hier kein Synonym für >richtig<, aber durchaus für eine nicht immer gegebene
Ehrlichkeit in der Beschreibung der eigenen Geschichte.
Preis 12 €
Direktbestellung (und Vertrieb) über die Adresse:
mail:tragwerksplanung@web.de
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